|Rezension| Was nie geschehen ist – Nadja Spiegelman

Stundenlang erzählen sie dir irgendwelche langweiligen Sachen über ihre Familie. Und dann, ganz plötzlich, erzählen sie dir die interessanten Dinge. (S. 210)

Details

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Erstausgabe (deutsch): 2018

 

Verlag: Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03705-5

Seiten: 394

Genre: Coming-of-Age / Generationenroman / Autobiografie (echt schwer sich da zu entscheiden)

 

Klappentext

Als Kind glaubt Nadja Spiegelman, ihre Mutter sei eine Fee. Ein besonderer Zauber umgibt Françoise Mouly, die erfolgreiche Art-Direktorin des New Yorker. Erst Jahre später, als Nadja allmählich zur Frau wird, bricht dieser Zauber. Immer häufiger trifft sie die plötzliche Wut der Mutter, ihre Zurückweisung, ihre Verschlossenheit. Nadja ahnt, dass sich in Françoises Ausbrüchen deren eigene Familiengeschichte widerspiegelt, und sie beginnt, der Vergangenheit nachzuspüren. In langen Gesprächen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter stößt sie auf unsagbaren Schmerz und widerstreitende Erinnerungen, aber auch auf die Möglichkeit, im Erzählen einen versöhnlichen Blick auf die Vergangenheit zu finden. Ein poetisches, zutiefst ehrliches Buch, das offenlegt, warum uns die, die wir am meisten lieben, häufig am stärksten verletzen.

Rezension

Das Buch Was nie geschehen ist von Nadja Spiegelman habe ich bei einer Verlosung von Lovelybooks gewonnen. An der Verlosung hatte ich teilgenommen, weil die Aussicht auf eine Familienbiographie dieser Art mich gefesselt hat. Vorweg kann ich schon sagen, dass die Geschichte in der Tat interessant war, doch auch für große Verwirrung meinerseits gesorgt hat.

 

Nadja Spiegelman erzählt zum großen Teil aus der Ich-Perspektive, es werden jedoch immer wieder lange Passagen aus Sicht ihrer Mutter Francoise und ihrer Großmutter Josée erzählt, welche Nadja im Verlaufe von vielen Gesprächen zu ihren Leben befragt. Hier tritt der erste Kritikpunkt auf: Es passieren zu häufig plötzliche Szenenwechsel und Zeitsprünge, in welchen sich auch, zunächst unbemerkt, die Erzählperspektive ändert. Durch diese Sprünge kommt es bisweilen vor, dass man Mutter und Tochter durcheinanderbringt.

IMG_20180503_110523An diese Art muss man sich wirklich erst gewöhnen. Mich persönlich hat dies etwas genervt, zum Ende hin konnte ich mich jedoch ein Stück weit darauf einlassen. Dies lag vor allem daran, dass ich das Gefühl hatte, dass die Geschichte zum Ende hin endlich einem roten Faden folgte. Nach den ersten 100 Seiten habe ich mich eher gefragt, ob der Inhalt überhaupt einer Struktur bzw. einem Konzept folgt. Es war nicht klar, worum es wirklich gehen soll und die Geschichte hat sich hierdurch enorm gezogen. Auch zwischendurch fließen immer mal wieder Ereignisse in die Erzählungen ein, von denen der Leser zuvor noch nie etwas gehört hat, die aber wie selbstverständlich aufgegriffen werden.

Nadja Spiegelman kann schreiben, das steht außer Frage, und auch die Thematik ist sehr interessant. Selbst die stellenweise sehr privaten Einblicke haben mich persönlich nicht gestört, da sich das Buch an manchen Stellen wie ein Roman lesen ließ.

Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass das Weltbild Nadjas extrem von den Ansichten ihrer Mutter geprägt wurde, ebenso wie ihr Verhältnis zu ihren Familienmitgliedern mütterlicherseits. Es wird angedeutet, dass der Mutter in der Kindheit etwas traumatisches widerfahren ist und sie deshalb zwanghaft zu verhindern versucht, dass Nadja erwachsen wird.

In der U-Bahn machte ich mir einen Spaß daraus, all den gemeinen Dingen, die sie zu mir sagen könnte, eine Punktzahl zuzuweisen. Zehn Punkte, wenn sie mir sage, dass ich zugenommen hätte. Fünfzehn, wenn sie über meinen Pullover lästerte. Doch als ich ankam, eilte sie zur Tür, um mich zu umarmen. (S. 208)

Gleiches gilt für die Großmutter. Überhaupt wird im Verlaufe des Buches als einziges wirklich klar, dass alle Frauen der Familie ein gestörtes Verhältnis zu ihren Müttern haben, welches im Falle von Nadja sogar zu (psychischen?) Anfällen in ihrer Jugend führt. Es ist fast schon verstörend zu lesen, wie sich alle drei Generationen in ihren Wahrheiten und Erinnerungen unterscheiden, ja, wie sie sich diese irgendwie zurechtlegen, so dass es ihnen passt. Alle drei sind ihr Leben lang auf der verzweifelten Suche nach Liebe.

Ich war erleichtert, als sich zum Ende hin alle mehr oder weniger annähern. Es hat mir in gewisser Weise eine Last von den Schultern genommen, denn unfreiwillig fing ich an über diese Menschen zu urteilen. Es war einfach zu abstrus, wie sich Nadja, Francoise und Josée einander gegenüber verhalten – dieses widersprüchliche Verhalten und die wechselhafte Zuschaustellung von Liebe. Dabei musste ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass es sich um echte Menschen, echte Leben und echte Erinnerungen handelt.

‚Wir konstruieren Realität. Wenn ich dir erzähle, dass ich mich nicht erinnern kann, ob etwas passiert ist oder nicht, dann deshalb, weil es für mich keine Rolle spielt. Ich bin einfach nicht in der Lage zu beurteilen, ob meine Erinnerungen zuverlässig sind.‘ (S.131)

Fazit

Eine Biographie über drei Generationen von Frauen einer Familie, die inhaltlich wirklich spannend ist, mich jedoch aufgrund einiger erzählerischer Schwächen (Zeit-, Szenen-, Perspektivwechsel) mehr verwirrt als gefesselt hat.

Man erhält einen tiefen Einblick in die Familiengeschichte Nadja Spiegelmans und stellt fest wie wichtig es ist, gerade innerhalb einer Familie, offen miteinander sprechen und vergeben zu können.

Was nie geschehen ist ist ein Buch, welches mich zwiegespalten zurücklässt. Das Potenzial ist da, doch letztendlich würde ich nicht noch einmal zu diesem Buch greifen.

Eure

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