|Rezension| Alles über Heather – Matthew Weiner

Er, Bobby, war so verdammt clever, dass andere Menschen ihn langweilten. Er wandelte unter ihnen wie ein helles Licht voll der Macht des Himmels, und er konnte sie vergewaltigen und töten, wann ihm der Sinn danach stand, denn allein dazu gab es sie auf Erden. (S.52)

Details

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Erstausgabe: November 2017

Verlag: Rowohlt

ISBN: 978-3-498-09463-8

Seiten: 144

Genre: Kurzroman

Klappentext

Mark und Karen Breakstone haben eine wunderbare Tochter. Ihr ganzes Dasein dreht sich nur um sie: Heather.

Bobby Klasky ist in seinem miserablen Leben niemals Glück oder Liebe begegnet. Doch jetzt weiß Bobby, was er will: Heather.

Rezension

Da der Klappentext nicht soo aussagekräftig ist, möchte ich noch kurz etwas zum Inhalt sagen:

Karen und Mark Bleakstone lernen sich erst mit Ende 30 kennen und haben beide genaue Vorstellungen von ihrem Leben. Auch wenn zwischen ihnen zunächst eine gewisse Leidenschaft herrscht, entscheidet sich Karen letztendlich nur für eine Hochzeit mit Mark, weil sie ein Kind möchte. Hierdurch wird zum ersten Mal die nach der Geburt von Heather entstehende Obsession der Mutter gegenüber ihrem einzigen Kind angedeutet. Da Karen sich selbst als Kind sehr einsam gefühlt hat, konzentriert sie sich nun vollauf auf ihre Tochter, verwöhnt sie und zerbricht beinahe daran, als Heather in die Pubertät kommt und gegen die Mutter aufbegehrt. Mark arbeitet indessen im Finanzsektor darauf hin reicher und reicher zu werden, dümpelt seinem Empfinden nach jedoch nur so vor sich hin. Abwechslung bieten da die Vater-Tochter-Tage, wodurch er gerade während Heathers rebellischer Phase ihrer Mutter gegenüber eine starke Verbindung zu ihr aufbaut, aber auch eine wachsende Eifersucht entwickelt wenn es um Jungs geht.

Parallel wird die Geschichte von Bobby Klasky erzählt. Überdurchschnittlich intelligenter Sohn einer Drogensüchtigen, der schon in jungen Jahren lernt den Freunden seiner Mutter Heroin zu spritzen. Während der Erzählungen über sein Heranwachsen wird sehr schnell klar, dass Bobby sich zu einem Soziopathen entwickelt, der dann irgendwann auch im Gefängnis landet und glaubt, ein Recht auf die Menschen um ihn herum zu haben. Als Bobby aus dem Gefängnis entlassen wird und auf der Baustelle an dem Haus der Bleakstones arbeitet, ist es unausweichlich, dass er Heather sieht und sie für sich haben will.

Inzwischen hatte er seine Bedürfnisse so lange unterdrückt, dass sie zu einem tiefen Summen des Verlangens angeschwollen waren, eines Verlangens, das er ununterbrochen in sich spürte wie eine in seinen Gliedern aufgezogene Feder. (S.78)

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Matthew Weiner verfasst mit „Alles über Heather“ auf gerade mal 144 Seiten eine Geschichte, die bei anderen Autoren sicherlich 300-400 Seiten hätte umfassen können. Dadurch bleibt er zum einen wunderbar auf dem Punkt und schonungslos direkt, was der Tristesse dieser Geschichte zuspielt, zum anderen geht hier aber auch die Tiefe der Charaktere verloren.

Es gibt mehrere Erzählstränge, die zunächst den Werdegang der Eheleute Mark und Karen beleuchten, erfolgreiche, aber irgendwie doch normale Leute, die ein Apartment an der Park Avenue besitzen, nach immer mehr streben und doch immer unzufrieden bleiben. Parallel dazu wird das Leben von Bobby Klasky, einem kriminellem Unterschichtler, betrachtet. Dabei hat Weiner auf eine sehr interessante Weise den unbeteiligten Zuschauer gespielt und die Gedanken der Hauptfiguren für sich sprechen lassen, doch gleichzeitig hat er es geschafft, ihr Verhalten direkt im Anschluss zu analysieren – wobei nicht klar wird, ob die Personen selbst diese Erkenntnisse über ihr eigenes Verhalten gewinnen oder ob der Autor eine Hypothese aufstellt.

Nur ein paar Seiten des Buches befassen sich dann tatsächlich mit Heather selbst und ihrer Sichtweise des Lebens und ihrer Umgebung.

Sie würde ihrer Mutter nie erzählen können, dass sie eines Tages ein ganzer, ein vollständiger Mensch sein würde, weil sie auf ihr Herz hören und alles fortgeben wollte, falls nötig sogar sich selbst, damit die Jahre der mühelosen Anhäufung von Reichtum wenigstens für irgendwen von Nutzen waren. (S.103 f.)

Vom Schreibstil her gefiel mir das Buch ganz gut. Es liest sich wirklich in einem schnellen Rutsch – ich habe das Buch z.B. beim Frühstück durchgelesen – was auch irgendwie schade ist, denn aufgrund der Kürze bleiben einige Teile der Geschichte auf der Strecke. Warum streben Karen und Mark beispielsweise nach immer mehr, obwohl sie doch alles haben was sie brauchen und noch dazu eine wunderbare Tochter? Warum reden die beiden nicht über ihre Probleme und Gefühle miteinander? Auch die „Beziehung“ zwischen Bobby und Heather hätte weiter ausgebaut werden können. Meiner Meinung nach bedient Weiner mit seinen Protagonisten einige Klischees, trotzdem gefiel mir, dass Karen & Mark (und auch Heather) Ecken und Kanten haben – das machte zwar die Eheleute sehr authentisch, jedoch tatsächlich auch ziemlich unsympathisch.

Für sie war garnichts geklärt, sie verspürte auch keine Reue über ihre Gedanken, nur darüber, dass sie sie ausgesprochen hatte. (S.94)

Während der gesamten Geschichte bekommt man als Leser die direkten Gedankengänge der Personen mit und weiß, was alles passieren könnte, wodurch Weiner eine stetige Spannung aufrechterhält. Trotzdem man hierdurch dazu verleitet wird das Ende vorauszusagen, schafft der Autor es Zweifel an dem potenziellen Ausgang der Geschichte zu säen.

Fazit

Mein Fazit zu Alles über Heather fällt durchwachsen aus. Zwar haben mir der Schreibstil und der Spannungsbogen gefallen, doch fehlte es mir u.a. aufgrund der Kürze und der Gestaltung der Charaktere an Tiefe in der Geschichte. Für mich handelt es sich hierbei um eine gut erzählte Kurzgeschichte, die ich allerdings nach dem Lesen auch schnell zur Seite legen konnte, ohne noch groß darüber nachzudenken.

Das Buch hat sich für mich also nicht ganz gelohnt, für mich bleibt Alles über Heather ein One-Night-Stand. Demnach gibt es von mir hierfür keine Kaufempfehlung.

Habt ihr Alles über Heather gelesen? Wie sehr beeinflussen die Charaktere bei euch das Leseempfinden?

Eure

Unterschrift

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